Fotowahn – oder Erinnerung?

Eins vorweg: Fotos sind etwas Schönes. Ich liebe gute Fotos. Die Flüchtigkeit eines Augenblicks wird durch ein Foto aufgehoben und dieser für immer festgehalten – aber leider wird die Kamera (bzw. das iphone oder was immer gerade zur Hand ist ) schnell zum Ersatz für die eigene Erinnerung.

In der Angst etwas zu verpassen oder zu vergessen werden auch die banalsten Dinge fotografiert – wen interessiert das Apfelmus von heute Mittag? Wer braucht 20 Fotos von einem Sonnenuntergang oder dem Elefanten im Zoo?

Schau Dir mal ein Bild von früher an, das weckt in der Erinnerung gleich 1000 andere Bilder im Kopf. Und die Fotos vom letzten Wochenende? Wahrscheinlich zu viele, um sie alle nochmal in Ruhe durchzusehen. Und irgendwie fehlt da auch der emotionale Bezug. Weil wir zu sehr mit dem Festhalten des Moments beschäftigt waren.

Wenn man sich zu sehr mit dem Festhalten der Erinnerungen beschäftigt, speichert unser eigenes Gedächtnis die Momente nicht so gut ab wie wenn wir voll dabei sind bei dem, was wir gerade erleben.

Niemand wird sich die ganzen digitalen Bilder des letzten Urlaubs ansehen – und mal ehrlich: früher hatte man eine Kamera mit höchstens 36 Bildern zur Verfügung, die musste dann für den ganzen Urlaub reichen. Ein paar Bilder wurden gemacht – und dennoch erinnern wir uns besser an solche Momente, auch wenn es davon keine Fotos gibt, als z.B. an das Finalspiel der WM, wo wir ständig etwas posten oder Fotos von dem Ort und den Leuten machen mussten, die um uns herum waren, um ja nichts zu vergessen. Auf den Moment, der immer bleibt!

Als ich mir dessen bewusste wurde, habe ich das Handy und die Kamera zu Hause gelassen (vieles geht tatsächlich auch ohne Handy in der Tasche – hatte den schönen Nebeneffekt, dass ich nicht ständig erreichbar war).

Resultat meines Selbstversuchs: am Anfang dachte ich immer wieder „Mensch, das wäre jetzt ein schönes Motiv. Das gäbe ein gutes Bild.“ Mit der Zeit habe ich allerdings immer mehr bewusst erlebt und genossen, was mir in dem Augenblick passierte. Und mit der Zeit konnte ich auch die Bilder wieder besser in MEINEM Gedächtnis speichern. Digital ist zwar ganz schön, aber EMOTIONAL sicher schöner.

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